Mittwoch, 30. Mai 2012

Verballert


Am Firmament noch
die glühenden Senglöcher von Zigaretten
liegt die Welt in Schatten
die von einer Laterne
bis zur nächsten reicht.

Das Messing des Kirchturms
schlägt nun
zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten
-verkauft!

So trage ich also
meine alkoholschwangere Seele
durch die Gassen
und irgendein Glatzkopf
der aus der lokalen
Schwulenkaschemme kommt
ruft mir irgendetwas mit
"Ficken?" hinterher
und ich täusche zum Schutz
ein stärkeres Torkeln vor.

Ist es meine Schuld
wenn er nichts fand
auf dem Fleischbasar?

Die Nacht ist einsam
und wird es bleiben.

Ein Credo
welches ich den Menschen
seit Jahren predige
aber wer hört schon auf mich?

Kann man denn
in dieser verballerten Stadt
nicht einfach
friedlich nach Hause wanken?

Dienstag, 29. Mai 2012

Klapsmühle


Manchmal frage ich mich, wovor einen die allseits gepriesene geistige Gesundheit denn bewahren soll. Meine Pfleger geben mir darauf keine Antwort, so oft ich auch frage. Es geht ihnen nicht wirklich darum, mir zu helfen. Aufzubewahren. Wie eine Reliquie, die man nicht ausstellen darf. 

Wer solche Gedichte schreibt, kann nicht normal sein. Darf es auch nicht. Denn der Geist muss flexibel bleiben, um die ganze Bühne auszuleuchten. Dinge zu sehen, die andere nicht wahrnehmen, macht einen nicht verrückt, sondern sensibel. Neun von zehn Stimmen können sich nicht irren.

Und wie normal sind die Gestalten auf der anderen Seite des Gitterglases? Oder bildete ich sie mir nur ein? Spielt meine Phantasie mir wieder einen üblen Streich? Sie schrecken an den Worten, die ihre eigenen dunklen Abgründe offenlegen. Ich bin ein Teil von euch!

Sonntag, 27. Mai 2012

Aus der Asche geboren


Mir ist
als wäre ich tausend Wassergläser
durch die der Beat
wie eine Messerschneide geht
zum vibrieren bringt.

Alles möchte ich kaputtschlagen
und mich an den Wunden lecken
wie ein Hund
bis zu einem einsamen Freudenpunkt.

In Rauch aufgehen sehen
was gewesen ist
und mich zerstörte
die lodernde Flamme
die mich zu Asche verbrennt

Phönix
geboren aus dem Feuer
fresse ich meine Asche
sie ist bitter wie mein Herz
was ich aus der Glut
zu retten versuche

und doch
habe ich nichts gelernt
fresse die bitteren Kohlenreste
und schimpfe sie köstlich.

HÜPFSPRINGMACH


Manchmal
wenn die Summe meiner Tage
nur aus
HÜPFSPRINGMACH
besteht
miete ich mir ein Zimmer
in einem billigen Motel
am anderen Ende der Stadt
wo die letzten Reste von Zivilisation
in den Betonrissen
der Parkbuchten verschwinden
bloss um dich
nicht sehen zu müssen.

Ich blättere in alten Zeitschriften
die frühere Gäste vergaßen
während sie Nutten bezahlten
Kokslinien auf dem Waschbecken zogen
oder Revolver durchluden
die nur eine Kugel enthielten.

An meiner Tür
hängt "Bitte nicht stören"
denn ich genieße die Stille
wenn mich niemand
durch meine Tage hetzt
um mir die Nächte abzuknöpfen.

Der Portier ruft an
er fragt mich
ober er mir
ein paar "Stuten" bestellen solle
doch ich lehne
dankend ab.

Samstag, 26. Mai 2012

Ausschnitt aus "Konstantin"


„Was für eine Sauerei.“
Kommissar Braugstetter klappte seinen Regenschirm zusammen. Hier unter der Brücke war er im Trockenen. Ein nutzloses Requisit, das er nun getrost zu den Akten legen konnte. Viel mehr war von dem Opfer auch nicht übrig geblieben. Seit fünfzehn Jahren war er bei der Hamburger Polizei tätig, aber so etwas hatte er noch nie gesehen. Ein weiteres graues Haar in seinem melierten Schopf. Innerlich hatte der Polizeidienst ihn abgestumpft. Äußerlich allerdings sah man ihm die Beschwerlichkeiten an. All die Leichen, die ihm unter die Augen gekommen waren. Die Verkehrsopfer. Grün- und blau geschlagene Frauen, deren Ehemänner lachend bei einem Bier am Küchentisch saßen, während die Polizei ihnen Fragen stellte. Einer, der schon alles gesehen hatte. Draußen regnete es in Strömen. Pfützen sammelten sich auf dem roten Sandweg, der die Uferpromenade säumte. Wie der Tuschkasten eines Malers, dem die Farben davonliefen.
„Wir sind fertig.“
„Dann schnappt euch ein paar Schaufeln und sammelt die Reste von dem armen Kerl ein.“
Er hatte mit Regener gesprochen. Regener war als Erstes am Tatort gewesen. Eine verstörte Joggerin hatte die Polizei gerufen. Kommissar Braugstetter schätzte an Regener dessen Gründlichkeit. Humor besaß er nicht. Nun sah er ihn, wie er am Rande des Tatorts stand und Fotos machte. Nur sein massiver Rücken war zu sehen. Regener gehörte zu jenen Hünen, die ihre Größe auch wirklich bewohnten. Sein selbstsicheres Auftreten hatte ihm eine solide Karriere bei der Hamburger Polizei geebnet, der Mangel an Gefühlsregungen aber einen weiteren Aufstieg als seine jetzige Position verhindert. Mit Toten konnte er besser als mit Menschen.
Die phänomenale Losung des Tages lautete, dass es keine Fingerabdrücke gab. Oder vielmehr das, was dem üblicherweise entsprach. Namenlos. Linienlos. Ohne Rückschlüsse auf das Fahndungsregister. Glatt wie eine Phyton, die sich aus ihrer Haut geschält hatte.
Er wollte dieses Schwein schnappen. Noch vor einer Stunde hatte er den Pizzadienst auf die Wache gerufen, nun würde er mit Sicherheit keinen Bissen runterkriegen. Die Opfer einer Polizistenseele: Achtlos weggeworfene Pizzakartons, mitsamt ihrem labbrigen Inhalt. Kommissar Braugstetter teilte nicht die Ansicht des Senats, der für verirrte Seelen wie diesen Alsterpenner kein Mitleid kannte. Ein jeder war seines Glückes Schmied. Es gab Obdachlosenasyle, wo man sich des Nachts aufwärmen konnte. Eine Kraftbrühe genießen und eine heiße Dusche. Warum war dieser Idiot nicht dort hingegangen?
„Streunende Hunde könnten das getan haben.“
„Vergleicht die Bissbreite. Das stammt von einem menschlichen Kiefer, hundert Pro.“
Streifenpolizist Sandocz wurde grün im Gesicht. Dies war seine erste Leiche. Letzten Monat war er Vater geworden. Eine Polizistenseele war eine schweigsame Seele, die viel in sich hineinfraß. Das würde er noch lernen. Friss oder stirb, so einfach war es.
„Chef, meinen Sie wirklich?“
Der Obdachlose, den sie unter einem Brückenpfeiler aufgelesen hatten, wies dutzende solcher Bissspuren auf. Wer auch immer das getan hatte, hatte ihm brockenweise das Fleisch vom Körper gerissen. Den Boden mit seinem Blut getränkt, als hätte ein grausames Kind einen Sylvesterböller mit einer Dose Tomatenpüree verbunden. Das Gesicht nicht mehr als eine blutige Masse, die Kommissar Braugstetter unangenehm an seine Pizza erinnerte. Sein Magen machte eine erneute Rolle, stimmte zur Übelkeits-Polka des Jahres an.
„Macht einen Abgleich mit den zahnmedizinischen Gutachten der praktizierenden Ärzte. Vielleicht finden wir das Schwein.“

*

Auf der Wache schrieb er seinen üblichen Bericht. Beamtenjargon. Aus grausam zugerichteten Mitbürgern wurden unidentifizierbare Leichen. Manchmal hasste er seinen Job. Dienstschluss bedeutete die Rückkehr in den Alltag. Sylvia würde sicher schon schlafen. Allein schritt er durch die graue Wohnung, die nun von den Schatten beherrscht wurde. Vorbei am Kinderzimmer, wo Thorsten bereits schlief. Wobei die Bezeichnung Kinderzimmer von der Zeit eingeholt wurde. Der Junge überragte ihn um einen halben Kopf, und war noch nicht ausgewachsen. Gerne hätte er sich in die Erziehung seines Sohns mehr eingebracht. Doch der Schichtbetrieb machte es ihm schier unmöglich. Zwischen Tür und Angel erschien er als Vaterfigur, ein jedes Mal erstaunt über die Entwicklung, die der Lütte durchmachte. Leider nicht immer die Beste. In letzter Zeit schien er ihm zunehmend zu entgleiten.
Normalerweise erzählte seine Frau ihm, was der Tag so gebracht hatte. Die Beschwernis, die Hausarbeit, die unzufriedenen Kunden an der Kasse in ihrem Teilzeitjob. In den wachen Momenten zwischen der Nachtschicht und dem Morgengrauen. Wenn er sie aus ihrem tiefen Schlaf riss. Aber war das ein Familienleben? Oder das, was er sich darunter vorgestellt hatte? In Fetzen gerissen wie einen jungen Hund?
Es würde lange dauern, bis er Schlaf fand. Dieses Mal schlief seine Frau vor ihm ein. Wortlos schmiegte er sich an ihre Seite.

*

An anderer Stelle in der Stadt ging ein anderes Wesen zu Bett. Die Nacht war zu Ende, und damit sein Tag. Einer von Vielen. Die Ewigkeit. Nur das Quartier wechselte. Seit einiger Zeit war es ein Abbruchhaus in Altona. Eingeschlagene Fenster. Bröcklige Ziegelmauern, die Seele aus dem Leib geschlagen. Rotbrauner Staub zu seinen Füßen, der an den Schuhsohlen nicht zu haften vermochte. Ihm war es egal. Er war immun gegen alles Vergängliche. An den Wänden Grafitti unbekannter Sprayer, zumeist Jugendliche. Einmal hatte er Einen von ihnen geschnappt, und ihm die Innereien nach Außen gekehrt. Er erinnerte sich, wie köstlich sein Blut geschmeckt hatte. Die erste Rebe, die erste Ernte. Ein Winzer hätte ihn verstanden. Junges Blut besaß einen spritzigen Eigengeschmack, einzigartig in der Welt. Und doch eine Vergeudung. Er war gestorben, weil Konstantin Hunger hatte; weil er sein Heim bedrohte. Wenn er in seiner Kellergruft aufwachte und an die Oberfläche ging, räumte er ihre Hinterlassenschaften weg. Leere Bierflaschen und gebrauchte Kondome. Die Jugend des Lebens feierte ihre prunkvollen Feste... während der Herbst des Lebens dem Mondlicht seinen Tribut zollte.
Der Wind heulte durch die hohlen Gänge, verwirbelte den Staub von Jahrzehnten. Konstantin spürte weder Hitze noch Kälte. Ratten krochen träge über den Schutt. Auch dieses Haus war dem Tode geweiht. Er würde es verlassen, wenn der letzte Balken nicht mehr trug. Wesen wie er brauchten weder Strom noch Licht. Die Nacht barg ihre klaren Umrisse.

Donnerstag, 24. Mai 2012

Ohne Worte


Wenn ein Wort fehlt
zur falschen Stunde
gesellt es sich zu den anderen
die in früheren Stunden fehlten
geht zu Boden
wie Laub im Herbst.

Was mich bekümmerte
kümmert mich nun
nicht mehr.

Mit ungewohnter Lässigkeit
nehme ich
die Hände vom Steuer
soll doch alles
vor die Hunde gehen.

Dienstag, 22. Mai 2012

Scheideweg


Ich werd zum Gesamtkunstwerk, aber die Wehen tun verdammt weh. Noch ecke ich überall an, weil mein neues Ich nicht in die alten Löcher passen mag. Aber Löcher haben die Angewohnheit, sich jeder neuen Lage anzupassen. Marylin Manson & Lady Gaga haben gezeigt, was es heisst, ein Kunstwerk zu sein. Ihr Weg kann nicht der meine sein. Wer seinen eigenen Weg schreitet, der darf Andere nicht kopieren.

Ich bin nicht mehr der verschrobene Typ, der ein paar Gedichte schreibt. Poet zu sein ist eine Lebenseinstellung. Meine Sicht der Welt hat sich immer schon von der meiner Mitmenschen unterschieden. Dies ist kein Makel, sondern eine Vision. Verstehst du, was es heisst, seinen Traum zu leben, in all seiner Konsequenz?

Ich lebe den Künstler, die Welten verschwimmen. Ich verschmelze mit der Kunstfigur. Glücklich, frei, verbunden. Wie die Endszene in Terminator II. Glühendes Metall, glühende Worte!